Donnerstag

Während du schweigst ...




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Briefe an dich


Auszug aus Brief 38 ...

Reden ist Silber. Schweigen ist Gold.

Vielleicht ist es das, was du denkst oder hoffst, wenn du schweigst? Fragen gestellt – geschwiegen. Dinge gesagt voller Tiefe und Wahrheit – aber du schweigst. Deinen Blick führst du dabei oft bedauernd an mir vorbei nach irgendwo. Oder du hältst ihn leer auf den Tisch gerichtet. Manchmal verziehst du dabei den Mund, so als sei dir die Gabel beim Essen klirrend auf den Fliesenboden gefallen, und es ist dir peinlich gewesen. Bei einer anderen Gelegenheit schaust du mich dann doch mal an. Du schweigst und legst ein leise bedauerndes Lächeln an den Tag. Wärme im Blick. Ein schau-ich-kann-das-eben-nicht-Blick, der mir zeigt, dass ... ja, was signalisiert dein Schweigen eigentlich? Stilles Einverstandensein? Oder doch Ratlosigkeit und Unentschlossenheit? Vielleicht sogar Unwillen und Hoffnungslosigkeit ...? Alles. Alles in einem Blick!
Hast du eine Ahnung, wie viel Raum für Fantasien, Vermutungen und Spekulationen in deinem Schweigen entsteht? Was bleibt den Menschen in deiner Umgebung anderes übrig, als sich im Deuten, Hellsehen und Vermuten zu üben, um dich irgendwie zu verstehen?

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Ich lese alles zugleich in deinem Blick, und ich glaube, das ist die Wahrheit. Es ist alles zeitgleich vorhanden. Ein Knäuel, das niemand außer dir entwirren kann, überlagert von Angst, und du traust dich einfach nicht, den Faden in die Hand zu nehmen. Dein Schweigen nahm ich anfangs als ratlose Hilflosigkeit, als ein Noch-nicht-wissen-wie. Das, was du getan hast, sprach für mich eine deutlichere Sprache: Suchen von Nähe, Berührung, Umarmung, Hand-in-Hand, Haut-an-Haut, Kuss, Streicheln, Begehren, Zärtlichkeit, sich anlehnen dürfen, sich geborgen fühlen – einfach sauwohl! In deinem Verhalten drückst du alles wahr und ehrlich aus: Sehnsucht, Verlangen, Wohlbehagen, Hunger nach viel mehr von allem. Die viele Zeit, die du mit mir verbringst sagt: Ich will noch sehr viel mehr, ich fühle mich stark zu dir hingezogen, ich kann dem Drang nicht widerstehen, ich will es auch gar nicht, ich fühle mich so unglaublich wohl mit dir, deine Nähe ist mir so sehr vertraut und ich hasse jedes Mal den Augenblick des Abschieds, ich will einfach nicht weg von dir.
Liebe braucht keine Worte. Manchmal sind die damit verbundenen Gefühle auch unaussprechlich. Dann ist Schweigen Gold.
Je länger wir beisammen sind, umso kritischer sehe ich dein Schweigen. Dein Blick verändert sich dann und Unwillen ist verstärkt darin lesbar. Unwille, zu agieren, um das Knäuel endlich zu aufzulösen, damit Klarheit herrscht. Und dein Blick hielt zuletzt dem meinen nicht mehr stand. Er huschte eilig seitwärts und kehrte nicht mehr zu mir zurück ...

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