Montag

Hypothetisch...



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ist der 102. Brief aus dem Buch „104   Briefe an dich“


(Dieser Brief entstand über einen längeren Zeitraum hinweg
und ist eher Aufsatz, als Brief)

Was für ein intensives Gespräch! Ich spürte deine Angst. Ich hatte sie auch, und sie war furchtbar! Ich hatte Angst, dass du einfach aufstehst und gehst und nicht wiederkommen willst. Das wäre schwer zu ertragen! In einem wichtigen Augenblick das Falsche sagen, tun, etwas äußern, das nicht wirklich gut überlegt und zutreffend ist und es dann nicht mehr zurücknehmen können – all das fürchtete ich.
Vermutlich ging dir das Gespräch noch öfter durch den Kopf als mir. Wahrscheinlich stelltest du dir die gleichen Fragen wie ich. Würdest du mir sagen, wovor du Angst hattest? Was war deine größte Angst?
Ich bin froh, dass wir geredet haben. Nach der Angst tritt immer Ruhe ein und Klarheit. Ich bin sehr froh, meine Ängste meistens überwinden zu können. Das ist der Sinn von Angst; die starke Kraft in ihr fühlen, sie als einen Antrieb sehen, der dafür sorgt, dass wir über uns hinauswachsen und Erfahrungen sammeln, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen.
Ich bin der Ansicht, dass uns solche Gespräche sehr gut tun. Wir reden ja auch nicht so oft auf diese Weise und schon gar nicht über dieses Thema. Von Zeit zu Zeit jedoch ist das wichtig! Und wenn uns diese Unterhaltungen auch unangenehm „ans Eingemachte“ führen, schätze ich unsere gegenseitige Offenheit, die in jenen Stunden wieder wie zu Beginn vorhanden ist. Sie ist ein wesentliches Merkmal der Beziehung, die wir zueinander pflegen. Du darfst sicher sein, dass ich immer meinem Gefühl folge, in solche Unterhaltungen mit dir hineinzugehen und dich zu fordern. Ich weiß, wie schwer es dir fällt, über Gefühle zu sprechen und den Anfang zu finden für derartige Gespräche überhaupt, sehr schwer! Und obwohl ich weiß, wie es in dir aussieht und mich ständig mit relativer Sicherheit im Vermuten deines Innern bewegen kann, ist es wichtig, auch und besonders für dich, sie zu äußern. Gefühle brechen sich irgendwann unberechenbar ihren Weg, wenn du permanent versuchst, sie zu unterdrücken. –
Nun wäre ich ja nicht ich, wenn ich nach diesem guten Gespräch keinen vertieften Gedanken mehr an dessen Inhalt gehabt hätte. Also ging mir so einiges im Kopf herum. Ich war zum Beispiel nicht gefasst auf eine von dir – rein hypothetisch – gestellte Frage. Viel-leicht dachte ich darüber gründlich nach, weil es einen Zusammenhang gibt zu eigenen Gedanken, die ich nach meinem Traum vor etwa einem Jahr hatte. Auch wenn Fragen rein hypothetischer Natur sein mögen, haben sie meistens einen realen Ursprung, den ich interessiert betrachten mag. Hatte ich in meiner Spontanität denn auch richtig geantwortet? Entsprach meine Antwort meinem Empfinden und meiner Überzeugung? Was hat meine Antwort in dir ausgelöst?
Nun kann ich mich schriftlich noch sehr viel besser mit einem Thema auseinandersetzen, wie du weißt, und so lasse dich jetzt teil-haben an meinen Überlegungen und ihrem Ergebnis. Schriftlich hat für mich den Vorteil, dass Gedanken und Gefühle Gelegenheit haben zu reifen. In der schriftlichen Auseinandersetzung mit mir selbst kann ich oft sehr viel klarer fühlen, urteilen und entscheiden. Damit gelange ich zu einer realistischen Sicht und einem besseren Verständnis für die Sache und für meine damit verbundenen Gefühle und Ideen. – Du weißt sicher längst, um welche Frage es sich handelt. Ich vermute auch, dass du dich gerade ganz unbehaglich fühlst. Sei bitte nicht erschrocken, so in der Art „oh, je... hätte ich doch..., ich hab's ja geahnt...“.
Ich bleibe hier, was die mit der Frage verbundene Vorstellung betrifft, auf dem für dich sicheren Terrain der Hypothese und rekapituliere nur noch einmal den kleinen Ausschnitt unserer Unterhaltung, um die Verbindung zu meinem Ergebnis herzustellen. Du frag-
test: „Wie würdest du reagieren, wenn ich plötzlich mit gepackten Taschen vor deiner Türe stehe, bei dir einziehen will und sage, dass wir uns eine gemeinsame Wohnung suchen?“ Ich antwortete dir, dass ich es nicht wisse und begründete das damit, dass ich nicht mit diesem Ereignis rechne. (Ein bisschen später erst ging mir auf, dass es logisch ist, auch nicht damit rechnen zu können, denn nur wenige Minuten zuvor hattest du eine solche Möglichkeit kategorisch ausgeschlossen. Insofern sich mir später beim Nachdenken darüber nicht erschloss, warum du mich so etwas überhaupt, wenn auch nur hypothetisch, fragst.)
Du blicktest dann nachdenklich aus dem Fenster und hast mir ei-ne andere Szene ungefähr so geschildert: „...dann stell dir vor, ich komme zu dir und sage, dass ich mich getrennt habe und allein ein Zimmer bewohne.“ Diesen zweiten Gedanken mochte ich spontan nachvollziehen und meinte, dass ich das eher für möglich hielte, auch wäre es günstiger. Soweit – so gut.
Ich erzählte dir, dass ich vor fast einem Jahr einmal diese Szene träumte. Du hast mit einem Koffer und Kartons vor meiner Türe gestanden. Dieser Traum bereitete mir sowohl Freude als kritisches Nachdenken. Er warf für mich zwei Fragen auf; erstens, ob ich über-haupt bereit dazu wäre? Und zweitens: Will ich das auf diese Weise? Ich erinnerte mich nämlich daran, dass du ja schon einmal ähnlich vorgegangen bist, als du aus einer verliebten Verzweiflung heraus vollkommen panisch-konfus zu Hause „ausgezogen“ (?) bist, um gleich darauf schleunigst wieder heimzukehren. Meiner Ansicht nach hast du damals den zweiten Schritt vor einem ersten gemacht. Da fällt man zwangsläufig auf die Nase. Niemand setzt sich schließlich einen neuen Hut auf den Kopf, wenn der alte noch drauf sitzt. Dein damaliger „Auszug“ war keiner. Er war eine Flucht.
In der Analyse meines Traumbildes und den damit verbundenen, leicht zwiespältigen Empfindungen kam ich zu der Erkenntnis, dass zunächst deine ganz persönliche Situation zu klären wäre, bevor so etwas geschehen dürfte. Das Traumbild schien mir damit hinreichend erklärt, und ich betrachtete das Nachdenken darüber als erledigt.
Zurück zu unserer Unterhaltung. Deine Frage überraschte und verwirrte mich ein bisschen. Sie belebte nicht nur die Erinnerung an meinen Traum, sie rührte auch an die Gedanken, die ich mir darüber mache, wie es wäre, das Leben wieder ganz mit jemandem teilen zu wollen. Bin ich wirklich noch fähig dazu nach so langer Zeit allein?
Die Reise nach Mallorca war zum richtigen Zeitpunkt meiner Nachdenklichkeit ein Geschenk. Sie verschaffte mir die Möglichkeit, all meinen Gedanken aufmerksam zu lauschen und sie aus einer Art Vogelperspektive zu betrachten. Aus dieser Position und dem zwangsläufig veränderten Blickwinkel, überschaue ich alles viel besser. Ich gewann meine Ausgeglichenheit zurück, kam zur Ruhe im Innern und erhielt Klarheit in meinen Gedanken und Gefühlen. Ich fand meine Antworten auf die wichtigen Fragen, die mich beschäftigten und kam zu einem Entschluss.
Ja, ich bin sehr wohl noch immer fähig, das Leben mit einem Partner an der Seite gemeinsam zu gestalten. Eigentlich war es völliger Quatsch, das grundsätzlich infrage tellen zu wollen. Und ebenso eigentlich ist dieses Infragestellen nicht mehr, als ein unsinniger Versuch, sich vor einem Irrtum schützen zu wollen, der wahrscheinlich gar nicht stattfindet. Erst recht teilte ich die Sorge der allermeisten Menschen noch nie, dass womöglich Alltag alles Lebendige einer Partnerschaft ersticken könnte. Wozu also zerbrach ich mir meinen Kopf über solche Unsinnigkeit? Ich bin ein viel zu lebendiger, interessanter, Fantasievoller und fröhlicher Mensch, für den es keine Langeweile gibt. In den Jahren, die ich auf Erden wandle, machte ich auch keine Erfahrung mit Monotonie, die zur Langeweile oder gar zum Frust geführt hätte. Nicht für mich und in keiner meiner Beziehungen. Monotonie beziehe ich dabei keinesfalls auf die geliebten, vertrauten Gewohnheiten, die jeder Mensch in seinem Leben allein, mit einem Partner und in der Familie pflegen sollte, wenn er sich dabei wohlfühlt und glücklich ist. Sich dies von Zeit zu Zeit bewusst zu machen, ist wichtig. Aber das kann ich jetzt nicht vertiefen, denn das ist ein anderes Thema.
Weil ich bin wie ich bin und weil nur ich so sein kann, wird sich an meiner Eigenart, die von Optimismus, Stärke, Zuversicht, Elan und vielseitigem Interesse an allem und jedem geprägt ist, nichts ändern. Jedenfalls nicht in diesem Leben. Insofern brauche ich wirklich nicht zu fürchten, mich nicht mehr auf einen anderen Menschen – sprich auf einen Partner – einlassen zu können. Es mag höchstens sein, dass es keinen Mann gibt, der sich mit mir auf sowas und auf mich einlassen will. Aber das glaube ich nicht.
Und was nun die Antwort auf deine Frage angeht, würde ich dir folgendes antworten, solltest du mich je wieder fragen:
1. Stelle mir eine solche Frage nicht mehr hypothetisch, sondern dann, wenn du tatsächlich irgendwann beabsichtigen solltest, mit mir zu leben. Und...
2. handle, wenn deine persönliche Situation klar ist. (Ich bin mir ganz sicher, dass du es ohnehin in dieser Reihenfolge tun würdest. Dann kann das von mir aus auch plötzlich sein, dass du mit deinem Wunsch inklusive gepackten Taschen vor meiner Türe stehst.) Und...
3. Ja! Mit dir würde ich mich auf ein gemeinsames Leben einlassen!
Mir geht es gut. Deine hypothetische Frage regte mich an, gründlich nachzudenken und mich von den kleinen Zweifeln an mir selbst zu befreien.
Seltsam, während ich schreibe, wird mir plötzlich klar, dass ich auf eine hypothetische Frage gar keine hypothetische Antwort geben kann. Eine Antwort kann nicht hypothetisch sein. Sie enthält, ganz egal wie aus der Luft gegriffen die Frage auch sein mag, Ehrlichkeit und Wahrheit, die sich auf die Vorstellung hinter der Frage beziehen und die ist im Augenblick, da sie gestellt wird, als Szene sehr real. Eine hypothetische Antwort wäre ja irgendwie ausgedacht, quasi Fantasiert. Hab ich aber nicht getan, weil das gar nicht möglich ist! Folglich kann eigentlich auch eine Frage nicht wirklich rein hypothetisch sein – oder? Oh je... – Gedankenstrich für ein paar Minuten Nachdenklichkeit. Okay, diese Überlegungen lasse ich nun stehen, ohne weiter darüber nachzudenken.
Ich antwortete auf jeden Fall sehr konkret auf deine hypothetische Frage, und zwar sowohl in unserem Gespräch wie jetzt auch in diesen Zeilen. Die Vorstellungen als solche sind hier und jetzt rein hypothetisch. Sie sind nämlich (noch) der Realität und ihren Fakten verhaftet. Wir werden sehen, wohin der Weg einen jeden von uns oder uns beide führt. Ich vertraue darauf, dass sich die Dinge des Lebens schon recht entwickeln. Nicht immer liegt alles allein in un-seren Händen. Auch andere Menschen und Ereignisse nehmen Einfluss auf unser Leben, und da bleibt uns manchmal nur unsere Reaktion darauf.
In der Zeit, die vergeht, finden ständig irgendwelche Veränderungen statt, die manchmal beabsichtigt, häufig unbeabsichtigt, gelegentlich sogar von uns unbemerkt auf unser Leben Einfluss nehmen; urplötzlich, rasant schnell oder in einem langen allmählichen Reifeprozess. Gelassen und geduldig sein zu können, ist weise. Und jeder-
zeit bieten sich Möglichkeiten, Chancen, die wir ergreifen können, wenn wir wollen.
Eine Situation, in der man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, ist ungeeignet, eine Lösung herbeiführen zu wollen. Diese
vorübergehende Lösungslosigkeit aussitzen zu können, betrachte
ich als eine kleine Kunst. Sie ist für mich der Schlüssel, vom Grübeln loszulassen und einen alles überdeckenden Aktionismus im Zaum
zu halten, in dem ich womöglich falsch handeln würde. In der Ruhe einer Phase von Lösungslosigkeit gewinne ich vom Problem ein

bisschen Abstand und schöpfe Kraft. Und vor allem Vertrauen in das, was ist und kommt! Alles kommt zu seiner Zeit. Und vieles von allein!


Alle Briefe sind erschienen in dem Buch "104   Briefe an dich" bei tredition.





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