Sonntag

Der Mensch braucht den Menschen


Foto von unsplash (Großbritannien) #pixabay.com


Der Mensch braucht den Menschen

Kaum jemand ist zum Eremiten bestimmt, geboren gar oder verdammt. Das ist nur für sehr wenige Menschen – häufig aus einem besonderen Grund und Bestreben heraus – gut. In der Regel ist der Mensch ein ‚Herdentier‘, braucht die Gemeinschaft, den Austausch miteinander und die Gemeinsamkeit, wichtig ist auch ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gemeinschaft, sich ein Stück weit zu identifizieren hinsichtlich von Interessen und Zielen ebenso wie sich in anderen zu spiegeln. In der Frühzeit war das sogar überlebensnotwendig. Was heißt hier ‚in der Frühzeit‘?
Auch heute ist es für Menschen wichtig, in einer Gemeinschaft zu leben. Wie immer sie sich gestaltet, davon hat jeder seine eigene Vorstellung. Lebenspartnerschaft, Ehe, Familie, Wahlverband (Wahlfamilie, wie man heutzutage oft sagt) oder Kommune (WG in Zweier-, Dreier- oder Mehrverbund, Mehrgenerationen-Gemeinschaft). Es ist belegt, dass Menschen, die in einer Gemeinschaft leben, die ihnen Bestätigung, Anerkennung, eine gewisse Sicherheit und Geborgenheit bietet, gesünder und glücklicher sind als Alleinlebende. Dass innerhalb dieser Gemeinschaften nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen an der Tagesordnung sind, ist normal. Letztlich sind Menschen trotz ihres Drangs nach Gemeinschaft immer Individualisten. Doch mit der Kraft ihrer Intelligenz, ihrer Lebenserfahrung und Klugheit, der Bereitschaft zu Kompromissen in gegenseitiger Toleranz und Akzeptanz in Verbindung mit Respekt und Achtung dem/den anderen und deren Anders-Sein gegenüber finden die Gemeinschaften Lösungen für ein friedliches (und liebevolles) Miteinander.
Meine Beobachtungen in Bezug auf Alleinlebende beruhen größtenteils auf eigener Erfahrung und den Erfahrungen mit anderen Alleinlebenden, mit denen ich in Verbindung stehe.

Die Bedeutung des Alleinseins für mich

Solange ich auf Erden wandle, war ich nie in der Situation, mit mir zu sein, d. h. unbeeinflusst durch andere Menschen und Gemeinschaft mit ihnen sowie ihren Regeln. Für die Kindheit und Jugendzeit ist das grundsätzlich normal und auch wichtig, glaube ich. Das einzige, was mich dabei rückblickend in Bezug auf mein Leben stört, sind die sehr strengen Regeln, denen ich im familiären Umfeld zu folgen hatte, die Nicht-Auseinandersetzung miteinander und der krankhafte Kontrollzwang meiner Mutter. Das halte ich aus heutiger Sicht und nach den Erkenntnissen aus Lebenserfahrung, eigenem Muttersein, Therapie und heutigem Empfinden für schädlich. Es hatte bei mir dazu geführt, dass ich nicht lernte, Spannung und Streit auszuhalten, kontrovers zu kommunizieren, mich offen durchsetzen zu können. Stattdessen wurde ich eine kleine Mediatorin, eine Clownin, die es verstand Menschen, die miteinander gerade nicht konnten, zum Lachen und auch wieder ins Gespräch zu bringen. Ich wurde bestrebt, es allen Menschen recht zu machen, um eigenes Wohlgefühl zu erlangen. Das Schädliche daran ist insbesondere, dass ich mich derart auf alle Menschen in meiner Umgebung „einschoss“, mich vollkommen in sie hineinversetzte, ihre Wünsche und Bedürfnisse, ihre jeweiligen Stimmungslagen witterte, sodass ich im Laufe der Jahre verlernte, überhaupt noch eigene Bedürfnisse zu fühlen und eigene Wünsche und Vorstellungen von meinem Dasein, meinem Leben mit mir und anderen unabhängig von der (familiären) Gemeinschaft zu entwickeln. Das zog sich wie ein Roter Faden durch alle (!) meine Beziehungen im Leben.

Foto v. Gert Altmann
Freiburg #pixabay.com
Als vollkommen angepasster Mensch fügte ich mich in sämtliche Beziehungen so gut ein, dass der/die andere/n glaubten, in mir das Nonplusultra von Partnerin, Freundin, Schülerin, Angestellter, Kollegin usw. gefunden zu haben. Dieser Eindruck verschwand allmählich dann, wenn ich, die perfekte Wahl für welche Position auch immer, begann zu rebellieren. Zunächst im Innern, später im Außen. Letzteres war für das Umfeld völlig unverständlich, auch weil es sich auf eine Weise äußerte, die für die anderen schlicht nicht zu verstehen war. Denn ich konnte nicht gerade heraus äußern, was „Sache ist“, sondern trug das Unbehagen als tickende Zeitbombe in mir und zeigte nur das, was man heute allgemein als „Zickenterror“ bezeichnet; und das auch nur äußerst milde, verglichen mit herumzickenden Damen, wie sie uns das TV häufig präsentiert. Und wenn ich eines Tages mit einer ungeheuren Wucht dieses Unbehagen konkret nach außen brachte, es aussprach, war der Schock für die anderen groß. Für mich war es jeweils eine Befreiung. –
Das Schlimmste daran war, dass ich wiederum die Enttäuschung, die Traurigkeit und die Qual, das Unverständnis, ja manchmal sogar die Verzweiflung der anderen spürte – und selbst litt. Ein gespaltenes Herz, eine entzweite Seele, die mit einem Auge von Herzen lachte, während das andere todtraurige Tränen vergoss.
Es hat viele Jahre gedauert, bis ich endlich erkannte, wie wichtig ein Alleinsein mit mir ist. Es bedurfte auch einer ganzen Reihe von Beziehungsversuchen, bis mich die Erkenntnis endlich traf, dass ich in schöner Regelmäßigkeit, das Leben des anderen, aber nicht meines lebe. Denn das war bis dato ja der Schlüssel, um überhaupt mit jemandem zusammen zu sein: derart im anderen aufzugehen, dass Grenzen zwischen Persönlichkeiten bis zur Unkenntlichkeit verwischten. Einssein auf allen Ebenen und das um jeden Preis. – Fatal. Dass das nie funktionieren konnte und kann, liegt auf der Hand, weil niemand, wirklich niemand sein eigenes, ursprüngliches Inneres dauerhaft verleugnen kann.
Dann war ich endlich allein mit mir. Schön – nicht schön. Vorteilhaft – nicht vorteilhaft. Fifty-fifty … Aber in dieser Wechselbad-Zeit erfuhr ich einen Schnellkurs in Selbstentdeckung und -erkenntnis. Wer bin ich denn wirklich? Was will ich? Was kann ich? Wovon träume ich? (Man glaubt ja nicht, wie sehr man Träume auch vergessen kann und wie schwer es ist, sie wiederzufinden.) Wohin will ich noch? Will ich eine Partnerschaft? Will ich lieber alleine leben? Will ich vielleicht Teil einer Wohngemeinschaft sein? Stadt, Land, Fluss, Meer… Deutschland, irgendwo oder überall auf der Welt?
Zwischen all diesen Fragen meldeten sich in fast zwei Jahren auch tief verschüttete Gedanken und Gefühle. Wie lange eingesperrte Tiere, die endlich ins Freie dürfen, fielen sie manchmal über mich her. Gut, dass ich dann mit ihnen allein war. Heulen, bis die Augen sich kaum noch öffnen, verrotzt aussehen, ohne dass mir jemand zuschaut. Schimpfen, fluchen, verfluchen, toben, maßlos traurig sein – all das brach hervor und durfte sich heilsam ausleben.
Daneben immer wieder diese Fragen, von denen ich stets glaubte, sie eigentlich längst beantwortet zu haben. Dem ist nicht so.
Trotz des gewünschten und heilsamen Alleinseins mit mir hatte ich freilich und, wie ich meine, absolut verständlich, auch den Wunsch, mich über diese Fragen, diese Gefühlsfluten und allerlei Unverständliches, das mir durch den Sinn ging, mit anderen zu unterhalten. Vor allem natürlich mit Menschen, die solche Phasen gerade selbst erleben oder sie abgeschlossen haben. Aber das erwies sich als das Schwierigste. Über die Jahre, in denen ich keine Zeit und Energie hatte, Freundschaften zu pflegen (echt ein Problem mit drei heranwachsenden Kindern, Full-Time-Job und Haushalt und leider null Unterstützung), ist der Kreis von Menschen, mit denen ich reden könnte auf ein winziges Minimum geschrumpft.
Die Folge war, dass ich begann, über diese Dinge mit meinen Kindern zu sprechen… das war keine gute Idee.

Wir Menschen brauchen mindestens einen Zeugen im Leben
Schnell merkte ich, dass ich plapperte wie ein Wasserfall, wenn ich mit einem meiner Kinder zusammen war oder es am Telefon hatte. Das Plappern ertrugen sie mit bewundernswerter Geduld; sie hatten auch gelegentlich eine Meinung zu dem, was ich erzählte. Doch das gewünschte, erträumte Feedback konnten sie mir nicht geben.
Mit meinen Gedanken und Fragen war ich also allein. Die Gespräche verlagerten sich meinerseits dann auf das, was ich aus meinem durchaus interessanten Berufsalltag berichten konnte. Hier dasselbe Spiel: plappern, bis der Arzt kommt (den aber niemand rief, wofür ich dankbar bin). Jedes Mal, wenn ich nach einem Treffen wieder allein mit mir war, wurde mir das bewusst. Neben dem Alleinsein mit mir und den Themen, um die meine Gedanken kreisen, zog auch Einsamkeit ein.
Kein Spiegel. Keine Bestätigung, Anerkennung. Keine Sicherheit, wenn auch nur relativ, oder Geborgenheit.
Ein Schlüsselerlebnis lieferte mir die Erkenntnis schlechthin. Als ich in einer Unterhaltung – wir waren zu fünft – zweimal erfahren musste, dass mein Gesprächspartner sich mitten in einem Satz, den ich sagte, abwandte zu einem anderen, war ich zunächst irritiert, dann beleidigt, verletzt auch und später froh, wieder zu Hause mit mir sein zu können. Erst in diesem Alleinsein mit mir tauchten die passenden Fragen auf: Was habe ich eigentlich zu erzählen? Wovon hatte ich gesprochen, als der Gesprächspartner sich abwandte? War es interessant? War es wichtig? Hatte ich es womöglich schon x-mal erzählt?

Es ist nicht schwer zu erraten, dass die besagte Unterhaltung im Kreis mit meinen Kindern stattfand; andere Menschen gibt es in meinem Leben nicht, oder kaum. Mit den geschilderten Überlegungen war mir auch klar, was ich bereits lange Zeit zuvor rational für mich geklärt hatte: Die Kinder leben ihr Leben, in dem ich Gast sein darf. Und sie sind nicht verantwortlich für mein Wohlbefinden. Ja, und erst recht kann ich nicht ständig über meine Arbeit und persönlichen Alltagsbelange sprechen, wenn wir in lustiger Runde gesellig beisammen sind, und dafür ihre Aufmerksamkeit einfordern. Diese gemütlichen Kreise sind kein Parkett für derartige Gespräche. – Das Bild hing schiefer denn je, und ich ging ganz tief in mich.

Foto v. Tatyana Kazakova, Samara/Russia  #pixabay.com
Der Mensch braucht einen Zeugen im Leben. Einen anderen Menschen, mit dem er sein Leben hautnah teilt. Einen, der Anteil hat, Interesse, Mitgefühl. Einen, der auch Spiegel ist, der kritisiert, hinterfragt, widerspricht und zum Reflektieren aktiv beiträgt. Darüber hinaus sollte das Leben aus mehr als Arbeit und Alltag bestehen. Schließlich gibt es Freizeit, mag sie noch so knapp bemessen sein.
Für mich resultierte aus all dem, dass es an der Zeit ist, mein Leben außerhalb zu gestalten. Versuche, über VHS-Kurse mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, scheiterten am laufenden Band. Es war offenbar nicht der richtige Weg. Zum Ausgehen allein ohne Begleitung bin ich nicht geschaffen, an Kneipen habe ich kein Interesse. Eine Vereinsmeierin bin ich ebenso wenig; und was sollte ich auch machen? Kegeln? Bowlen? Nordic Walking? Turnen für Ü50? Tanzen für Senioren? Alles nicht meine Welt, denn als Seniorin empfinde ich mich nicht. Ich will kein „Etikett“, ich bin einfach Mensch. Was also tun, um frischen Wind in mein Leben zu bringen?
Mir ist das Richtige eingefallen: Alte Verbindungen auf ihre Qualität hin prüfen und vielleicht darauf aufbauen anstatt immer wieder Anlauf für Neues zu nehmen. Für mich heißt das, wieder Musik zu machen. Ich erfülle mir damit gleichzeitig den Wunsch, einer Gemeinschaft anzugehören, die gemeinsame Interessen hat und Ziele verfolgt, in der es ebenso konzentriert und spannend wie lustig zugeht. Mein Schritt in die richtige Richtung!

Fazit: Jederzeit selbstverantwortlich für die Qualität unseres Lebens(alltags)
Wir, die wir allein leben – selbst gewählt oder nicht, das tut nichts zur Sache – sollten niemandem unseren Alltag und die Erlebnisse am Arbeitsplatz verbal ungebremst um die Ohren hauen, sofern der-/diejenige nicht Teil davon ist und gleiches Recht uns gegenüber hat. Dieses Bedürfnis befriedigen wir am besten in einer frei gewählten Lebensgemeinschaft, sei es nun eine Partnerschaft oder eine Wohngemeinschaft. Mit einer Einschränkung: In keinem Fall andauernd und penetrant, selbst in einer Partnerschaft nicht. Wie stets kommt es auf die Dosis an.
Sich damit im Leben der Kinder auszubreiten ist ebenso verkehrt wie dies in einer Freundschaft zu tun. Höflich werden die Kinder so etwas ertragen, aber ich vermute, auch froh sein, wenn man wieder seiner Wege zieht. Und eine Freundschaft ist sicher dazu da, sich vertrauensvoll auch mal Kummer von der Seele zu reden und sich in der Krise Rat und Unterstützung zu holen. Im Wesentlichen jedoch vereinen uns in einer Freundschaft gleiche/gemeinsame Interessen, ähnliche Wertvorstellungen, Prinzipien und geteilte Freude am Sein. Alltags- oder Berufsrapport veröden eine Freundschaft bis hin zur Auflösung.

Wenn im Leben nichts anderes mehr zu existieren scheint als das, wird es Zeit für Veränderung. Die Qualität unseres Lebens bestimmen wir immer selbst und sind dabei nicht allein von unseren finanziellen Möglichkeiten abhängig. Wo uns Geld fehlt, lassen wir Kreativität und Mut walten. Am Ende, davon bin ich überzeugt, sind wir auch im Kreise der Kinder, in Freundschaften und ganz sicher auch für neue Verbindungen wieder interessante (Gesprächs-)Partner und mehr…
[31. Juli 2016 by AF]



Spotsrock
macht Bücher schön

Freie Autorin & Lektorin
Postfach 11 23
D - 53821 Troisdorf
Telefon   (+49)  02241 169 2699
Mobil  (+49)  0160 766 2252
angel@spotsrock.de





Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen