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104 Briefe an dich - Brief 18






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Brief 18 aus "104   Briefe an dich"

Liebe, Mitleid, Mitgefühl

- ein philosophischer Spaziergang -

Zu diesem Thema sind eine ganze Menge interessanter Bücher gedruckt worden, und eigentlich bin ich immer davon ausgegangen, dass ein halbwegs intelligenter und gebildeter Mensch einen Unterschied erkennt. Rein rational ist dies auch der Fall.
Was ich jedoch immer wieder feststelle, ist die schwindende Empathie zwischen den Menschen. Niemand ist mehr bereit, sich in die Schuhe des anderen zu stellen, wie die Indianer das so schön beschreiben. Und die konnten das noch. Eine Sache aus der Sicht des anderen zu betrachten ist schon viel. Sich dann noch in dessen Schuhen und mit seiner Sichtweise auch gefühlsmäßig in ihn hineinzuversetzen – das scheint eine aussterbende Kunst.
Wir beide sprachen auch schon oft davon.
Nicht selten wird Mitleid mit Liebe verwechselt. Oder umgekehrt. Manchmal gleitet die Liebe, die Menschen einmal miteinander verband, im Laufe der Zeit ganz allmählich in eine Form von Mitleid über. Die Grenze ist verschwommen und deshalb schleichend der Übergang, sodass es den Beteiligten oft nicht bewusst wird. Haben sie erkannt, wohin sich ihre Liebe entwickelt hat, können sie oft den Zeitpunkt, ab wann die Veränderung eintrat, nicht mehr feststellen. Die Erkenntnis ist für sie gleichermaßen erschreckend, ernüchternd, aber möglicherweise befreiend. Plötzlich entsteht eine Klarheit im Feststellen der Wahrheit, die eine völlig neue Sicht auf das Leben und Zusammenleben bringt. Dann ist der Weg frei für (Rück-)besinnung und Veränderung.
Das Mitleid ist ein eigenes Gefühl. Es hat in der Liebe nichts zu suchen. Es ist Gift für die ehrliche, aufrichtige Liebe, denn es verletzt die Offenheit, das Vertrauen und mitunter auch das Wesen des einen oder anderen erheblich. Es ist beherrscht von falschem Verständnis, falsch verstandener Rücksichtnahme, Eigennützigkeit und vorweggenommenem Denken und Fühlen des jeweils anderen. Ich bezeichne es als falsch verstandenes Mitgefühl.
Mitgefühl hingegen ist ein wichtiger Aspekt der Liebe. Liebe zwischen Menschen und die Liebe zu allem, was ist. Ohne Mitgefühl, das heißt, ohne sich in den anderen hineinzuversetzen, empathisch zu sein, fehlt der Liebe etwas. Es mangelt ihr dann an Verstehen, Vertrauen, Gefühl, Achtung, Respekt und so weiter und so fort. Unabdingbare Grundlagen. Mitgefühl unter Liebenden bedeutet ebendies, es fördert das Angenommensein und Verstandenwerden von Anderssein. Es respektiert (mindestens) zwei Individuen in einer Gemeinschaft als Du und Ich. Mitgefühl ist eine menschliche Gabe und hat vor allem mit Achtung und Respekt vor der Verletzbarkeit des anderen zu tun, heißt: ich fühle mit dir, ich verstehe dich, du darfst dich mir anvertrauen. Im Empfinden des Mitgefühls bleiben zwei Menschen respektvoll ein Du und ein Ich, die miteinander agieren, Unterschiede integrieren und in ihrem Gefüge flexibel und entwicklungsfähig bleiben.
Und es ist nicht nur das Mitgefühl des einen für den anderen, der da vielleicht einmal aus unterschiedlichsten Gründen leidet. Sondern auch umgekehrt: So wie sich einer dem anderen anvertraut und anlehnen darf, so respektiert dieser doch die Grenzen des anderen. Er stülpt ihm nicht die Verantwortung für seine Gefühle über, sondern bleibt ganz bei sich. Er darf sich jedoch weiterhin darauf verlassen, angenommen und verstanden zu werden. Er darf sich anvertrauen, ohne Angst vor dem Danach.
Mitleid hingegen kann eine Strafe und Beleidigung sein für jenen, dem es zukommt, weil es ihm wiederum eine Gewissenslast bedeutet, ein Mitleiden beim anderen zu verursachen. Es ist sein Leid, auf das nur er ein Recht hat. Manche Menschen sind da ziemlich eigen. Mit ihnen mitzuleiden kann für sie einen Angriff auf ihr Selbst bedeuten. Im Mitleid für den anderen, verschmelzen Du und Ich im Leiden, und das ist nicht recht und es hilft keinem.

Vielleicht sind das haarspaltende Wortspielereien? Vielleicht denke ja nur ich so? Nein! Vielleicht fühle nur ich so? Aber für mich besteht zwischen beidem – Mitleiden und Mitfühlen – ein ganz erheblicher Unterschied. Gleichzeitig erkenne ich, dass Mitleiden wiederum aus einem tiefempfundenen Mitgefühl entsteht, in dem sich das Individuum nicht genügend abgrenzt. – Vielleicht ist darin der Sinn der Dualität zu verstehen? Du und Ich. Yin und Yang. Schwarz und Weiß. Irgendwo gibt es immer eine Verbindung, und doch ist es sehr wichtig, dass die Dinge (Menschen) getrennt bleiben. Voneinander abgegrenzt und nicht miteinander verstrickt, denn das führt zur Verwirrung. Und noch vielleichter ist dies das Geheimnis eines zufriedenen Daseins? Nämlich dass man bewusst bleibt für die Grenzen innerhalb einer tiefen Verbundenheit mit dem anderen!
"104  Briefe an dich"
ist erschienen bei tredition Verlag, Hamburg


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