Freitag

Dunkle Gedanken

 
Das Leben könnte in der nächsten Sekunde einfach aufhören, denkt Helen und blickt auf die Straßenbahnschienen, ohne diese wirklich zu sehen. Leer ist ihr Blick. Er wandert zur Anzeigetafel. Das Hirn registriert 10 Minuten Wartezeit, bis die Bahn kommt.
Es gab Zeiten, das ist erst wenige Wochen her, da hat sie sich aufgeregt, wenn sie eine Bahn verpasste und lange auf die nächste warten musste. Eine ganz automatische Aufregung. Vielleicht weil alle es taten? Heute ist ihr das gar nicht wichtig, ob sie da nun eine oder 20 Minuten rumsteht.
Helen ist ruhig. Sehr ruhig. Sie möchte sich einreden, dass es die Ruhe ist, die aus einer inneren Stärke kommt. Aber das ist es nicht. Es ist anders. Nicht, dass ihr alles gleichgültig wäre, aber es interessiert sie einfach nicht mehr, ob die Bahn pünktlich kommt, ob sie sie verpasst und ob sie ewig lange auf sie warten muss. Vor allem, wenn unterwegs mal wieder ein rücksichts- und gedankenlos geparktes Auto quer auf den Schienen steht und die Bahn nicht vorankommt. Dann kann es ziemlich lange dauern, bis eine Bahn kommt.
Helen bleibt seltsam gelassen. Ob sie sich ärgert oder nicht, spielt ja keine Rolle, deswegen kommt die Bahn nicht früher und Helen nicht schneller nach Hause.
Helen ist leer. Öde und leer. Ihr Inneres fühlt sich an wie eín sehr alter ausgehöhlter Baumstamm. Nix mehr drin. Nix mehr dran. Die Wände morsch und brüchig. Und in dieser Öde nagen die Würmer der Einsamkeit in ihr. Sie fressen kleine Löcher in die dünne sensible Haut ihres Herzens. Trotzdem tut es seinen Dienst. Puck-puck, puck-puck, pucka-puck... Es hört nicht auf zu schlagen und arbeitet unermüdlich, dieses verdammt starke Herz.
Wozu, fragt sich Helen. Wooo-zu?
Hat sie nicht alles vollbracht?
Geboren, aufgewachsen, sich durch die Schule und Ausbildung geschlagen. Dann ordentlich geheiratet, eine Familie gegründet, sich mit den Kindern durchs Leben geschleppt, keinen Kampf verloren gegeben. Arbeitslosigkeit und Armut überstanden. Keine schwere Krankheit erlitten, keinen Unfall, dafür ist sie dankbar. Sich nach jeder Krise wieder aufgerappelt wie Phoenix aus der Asche - und immer allein! Immer, immer, immer allein. Allein. Allein. Allein. Weil der Mann an ihrer Seite nicht der richtige war. Weil sie an seiner Seite nicht die richtige Frau war. Es passte nicht. Die Disharmonien lebten die Kinder aus. Also lieber ohne Partner. Die Kindererziehung war ohnehin allein ihre Sache. Auch ohne Freunde, ohne Bekannte. Wer rund um die Uhr mit den wirklichen Wichtigkeiten des Lebens allein beschäftigt ist, hat keine Kapazitäten mehr, um Beziehungen zu pflegen – ein Tag hat nur 24 Stunden und schlafen muss man auch ein bisschen, um am nächsten Tag brav ins Hamsterrad zu steigen...
Und jetzt ist alles erledigt, denkt Helen. Die Kinder sind erwachsen, stehen auf eigenen Beinen. Wenigstens hat sie wieder einen Job. Eigentlich könnte doch jetzt alles gut sein. Aber nach der anfänglichen Euphorie verliert Helen seit einiger Zeit ihre Kraft; sie ist so dünnhäutig geworden und sehr empfindlich.
Alles um sie herum wird immer unmenschlicher und geradezu grotesk. Menschen lassen sich gehen, sie betteln, waschen sich nicht mehr, halten sich lieber einen Hund, als sich auf einen Menschen einzulassen. Und irgendwie kann Helen sie sogar gut verstehen.
Manche tragen ein Akkordeon mit sich herum, steigen in eine vollbesetzte Straßenbahn und dudeln drauflos, in der Hoffnung, ein paar Euros von den genervten Fahrgästen zu ergattern. Oft sind es Kinder. Relativ junge Mädchen mit kleinen Instrumenten. Die kommen dann zu zweit. Dudeln, latschen lustlos mit leerem Blick durch die Bahn. Und die Fahrgäste tun unbeteiligt, uninteressiert, angeödet, gelangweilt und hoffen, dass die Mädchen bald wieder gehen.
Andere sitzen im Business-Look gekleidet, Zeitung lesend in der Bahn, den Aktenkoffer auf dem Schoß oder auch einen Laptop. Frauen auch. Mit modernem Haarschnitt, gar nicht Helens Geschmack, alles zu gekünstelt, und mit zu viel Makeup. Jede Wimper steht perfekt modelliert neben der anderen. Viele trinken ihren Morgenkaffee “to go”. Das ist Mode geworden und wahrscheinlich finden sie es schick. Man und auch frau ist halt in Eile. Helen trinkt ihren Kaffee daheim, gemütlich. Die wichtigste Zeit am Tag für sie. “To go” käme niemals in Frage. Und Makeup? Wie lange hat Helen schon keinen Lippenstift mehr benutzt? Helen weiß es nicht mehr. Irgendwann bedeutete ihr das nichts mehr. Ihre natürliche Erscheinung genügt, denkt sie.
Der Job - ... Keiner verstand, dass sie den supergünstigen Personalkauf am Abend vor der Eröffnung des neuen Geschäftes nicht nutzte. Die Erklärung war einfach: Helen hatte kein Geld. Es reizte sie noch nicht einmal, sich die Sachen anzuschauen. Nicht, um nicht in Versuchung zu geraten, nein, es ist ihr einfach nicht wichtig. Sollen andere ihr Geld dafür ausgeben, wenn ihnen die Sachen gefallen. Helen will das nicht. Sie hat nicht viel, trotzdem aber alles, was sie braucht.
Der Job - ... Helen neigt zu Illusionen. Sie hatte gedacht, für eine Firma zu arbeiten, in der es “menschlich” zugeht. Welch' ein Blödsinn! Firmen sind nicht menschlich. Menschen sind nur Material, das die Firmen einsetzen, benutzen, bis es infolge Verschleißes nicht mehr funktioniert. Verbrauchtes Material wird eben ersetzt. Manche halten lange, andere weniger lange. Je nachdem, wie gut man die Behandlung, die Verhältnisse am Arbeitsplatz verkraftet. Und was dort mittlerweile abläuft, stellt die grausigste Alltags-Reality-Soap im TV in den Schatten. Intrigen, Lügen, Hinterhältigkeiten... Neid, Eifersucht, Profilneurosen... und sowieso zählt nur der Profit.
Die Bahn kommt. Endlich?
Das Leben könnte sofort aufhören. Vielleicht wäre das die beste Lösung? Eigentlich hat Helen ihr Leben doch genug gelebt. Was sollte jetzt noch kommen? -

©2007 by af

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