Montag

Vorübergehend

Schrecklich!
Ihre Stimmung wird immer bedrückender. Nach außen die zufriedene Ehefrau zu spielen, fällt täglich schwerer. Der Kummer wächst in ihr unermesslich und würgt ihre Kehle.
Warum hört das nicht auf, fragt sie sich. Warum hört er nicht auf damit? Vor ein paar Wochen noch dachte ich, es sei wie eine Erkältung – vorübergehend. Damals..., da war es doch auch so... Aber er hört nicht auf. Woche für Woche fährt er zu dieser Frau. Glaubt er denn, ich merke das nicht? Sogar den Freunden und Nachbarn ist seine Veränderung nicht entgangen.

Sie schließt einen Moment die Augen, lehnt am Fensterrahmen und blickt in den Garten. Er strahlt richtig. Seine Augen sind wach und glänzen freundlich. Seine Art hat eine Leichtigkeit bekommen, wie sie sie schon seit längerem nicht mehr sah. Zumindest, wenn er bei ihr war. Doch kaum sie sind allein in diesem schönen Haus, dann verschließt er sich wieder. Dieses wunderbare Haus, aus dem das Leben ausgezogen zu sein scheint. Die Ruhe – so sehr von beiden geschätzt – wirkt wie ein dunkles Tuch und erstickt die Lebendigkeit, die meistens anwesend war, solange das einzige Kind noch bei ihnen lebte. Jetzt ist es fort, und Stille liegt in jedem Winkel, hängt im Raum bedrohlich schwer.
Sie seufzt. Warum hört er nicht auf? Eine vorübergehende Affäre hätte sie vielleicht doch noch einmal verzeihen können. Aber es nimmt kein Ende. Sie hatte im Urlaub mit ihm reden wollen. Fernab von zu Hause würde die Atmosphäre entspannt genug sein, einmal ganz ehrlich über alles zu reden. Aber die Gelegenheit ergab sich nicht. Beide waren erfolgreich darin, keine Gelegenheit entstehen zu lassen, um miteinander zu reden.
Als sie wieder zu Hause waren, dachte sie, es wäre vielleicht eine Möglichkeit, die Existenz einer Geliebten im Leben ihres Mannes zu ertragen. Letztlich sitze ich am längeren Hebel, so überlegte sie wenige Tage nach der Rückkehr. Verheiratet und abgesichert fühlte sie sich. Außerdem musste niemand von dieser blöden Geschichte etwas wissen. Und ein Hasenfuß ist er ja sowieso. Niemals würde er am Gefüge seines bequem eingerichteten Lebens rütteln. Viel zu viel wäre zu regeln. Unannehmlichkeiten ohne Ende! Und in seinem Alter... Nein, sie war sich einige Tage ganz sicher, dass er es nicht wagen würde, sich von ihr zu trennen. Alles viel zu kompliziert, zu peinlich und beschwerlich.
Aber das war nun schon ein paar Wochen her.
Draußen beginnt es zu regnen. Novemberwetter! Das passt ja zur Stimmung, flüstert sie und versucht erneut, den Kloß im Hals hinunterzuwürgen. Ihre Augen sind feucht. Eine Träne kullert unerlaubt befreit über ihre Wange. Dabei will sie gar nicht mehr weinen. Wozu? Es ändert doch nichts!
Immer noch fährt er zu dieser Frau, und sie erinnert sich an den Tag, als sie zum ersten mal selbst dorthin gefahren war... An einem warmen Sommertag war sie aufgebrochen und zielgerichtet dorthin gefahren. Als sie abfuhr hatte sie keine Ahnung, was sie dort wollte. Unterwegs erst entschied sie sich, mit dieser Frau zu reden. Sie war wild entschlossen, ihr gegenüber zu treten, ihr in die Augen zu sehen, wollte wissen, wer sie ist. Doch als sie in die Straße einbog, wo die Frau wohnt, verkrümelte sich der spärliche Mut und machte ängstlichem Unbehagen Platz.
So parkte sie ihren kleinen Wagen am Straßenrand in einigem Abstand von dem Haus, in dem ihr Mann mindestens einmal pro Woche für Stunden verschwand und danach beschwingt zu seinem Auto lief, um nach Hause oder in die Firma zu fahren. Sie überlegte noch, dass die Frau ja vielleicht gar nicht zu Hause war. Aber genau in der Sekunde öffnete sich die Tür und heraus trat eine sportliche Frau mit kurzem Haar und fröhlichen Augen. Sie trug eine Tüte mit Abfall zur Mülltonne und schaute anschließend in den Briefkasten.
Eine hübsche Frau, das musste sie gestehen. Jünger? Das war auf diese Entfernung nicht einzuschätzen. Aber eine sympathische Person mit einer starken positiven Ausstrahlung.
Sie startete ihren Wagen und fuhr langsam an der Frau vorbei, die für einen ganz kurzen Moment von ihren Briefumschlägen aufsah und einen flüchtigen Blick mit ihr wechselte. Sekunden nur, aber gefühlt wie eine kleine Ewigkeit. Ihr Pulsschlag beschleunigte sich enorm und sie fühlte sich, als wäre sie bei einer verbotenen Tat erwischt worden. Einige Meter hinter der Einfahrt zu jenem Haus trat sie auf das Gaspedal und verließ eiligst die kleine Straße im Wald.
Wieder zu Hause angelangt ging es ihr schlecht. Übelkeit lastete auf ihrem Magen und der Schädel schien explodieren zu wollen unter dem Druck tausender Gedanken. Diese Heimlichkeiten auf allen Seiten taten grauenvoll weh...
Warum hört er nicht auf damit? Sie selbst ist am Rande des Erträglichen angelangt. Nein, es muss endlich Schluss sein damit. Und sie fühlt plötzlich Hass in sich aufsteigen! Seit über einem Jahr macht er mir nun etwas vor, denkt sie zornig. Heuchelt den Treusorgenden, Pflichtbewussten, macht allen etwas vor und scheint nicht eine Sekunde daran zu denken, wie weh mir das tut. Glaubt er denn, ich bin blöd?! Und was soll ich mit einem Mann, der aus bloßem Pflichtbewusstsein an meiner Seite lebt? Der nicht den Mut zur Aufrichtigkeit hat?
Liebe suche ich, brauche ich. Nähe, Zärtlichkeit und Geborgenheit will ich. Und was bekomme ich? Einen Mann, der nur noch bei mir ist, weil er meint, er muss. -
Allmählich wird sie ruhiger. Das Herz schlägt friedlich, der Druck in ihrem Kopf lässt nach. Eine gefährliche Ruhe ergreift mehr und mehr Besitz von ihr. Oh, sie kennt diese Stimmung, in der sie – selten zwar in ihrem Leben, aber doch unvergessen - die wichtigsten Entscheidungen ihres Lebens traf.
Das Leben ist vorübergehend, denkt sie. Das ist normal. Krisen kommen und gehen und sind dazu da, Menschen daran wachsen zu lassen. Affären können geschehen, wenn eine Ehe in Schieflage gerät. Seitensprünge tun dem Partner weh. Wenn eine Beziehung stark genug ist, kann die Krise gemeinsam überwunden werden. Wenn (!) eine Beziehung stark ist, aber das ist sie längst nicht mehr.
Langsam richtet sie sich auf, nachdem sie geraume Zeit auf dem Sofa gelegen hat. Sie geht in die Küche, bereitet das Abendessen, wie gewohnt. Aber heute ist es doch anders. Heute wird sie dieses Ritual zum letztenmal durchführen.
Plötzlich lächelt sie und stellt fest, dass ihre Ehe heute vorüber gegangen ist.

© 2011-10-05 by af

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