Dienstag

Mr. George Clooney

Jeden Morgen laufe ich den Weg vom Heumarkt die Schildergasse hinauf zu meinem Büro. Die Schildergasse ist sonst unheimlich voll mit Menschen auf dem Weg vom oder zum Shopping. Vor der Ladenöffnungszeit allerdings sind dort bis auf ein paar noch unausgeschlafene Zeitgenossen auf dem Weg zum Job, zur Uni oder zur Schule beinahe nichts los.
Jeden Morgen erwartet mich dort ein Mann. Ein Mann, von dem man sagt, er sei außergewöhnlich männlich und wirke enorm erotisch. Ein Charmingboy erster Klasse! – Na, auf jeden Fall ein Star und meistens Single: George Clooney.
Ich gebe ja zu, er hat was – irgendwie. Sanfte Augen, das Grübchen am Kinn, ein smartes Lächeln um die Mundwinkel und einen Blick... ja, auf Papier! Er klebt zwischen Esprit und Sportscheck auf einer Holzwand und wirbt... für... ich weiß es gar nicht. Ein Foto von der Kamera produziert und auf Papier gedruckt. Eingerollt, aufgerollt und mit Kleister auf das Holz gepappt, noch ein, zwei mal mit dem Quast drüber gekleistert, damit er nicht von der Wand rutscht und fertig! Und das Lächeln vergeht ihm dabei nie.
Wie kann der ewig so gucken, frage ich mich. Immer der gleiche unbewegliche Ausdruck mit dem angedeuteten Lächeln. Vielleicht ist auch das Lächeln angekleistert, sinniere ich, als ich auf ihn zugehe. Und ich gucke heute mal genauer hin, versuche, ihm in die Augen zu schauen. Aber der guckt ja gar nicht richtig. Ich kann ihm nicht in die Augen sehen. Ich versuch es wieder und wieder, ich lächle sogar, aber – nix. Da pappt er auf der Holzwand und glotzt: smart, sanft und charmant.... doch er erreicht mich nicht.
Hinter ihm hat man das Haus mit einem Gerüst verstellt, vorne eine Plane vom Dach bis zum Boden gezogen und von drinnen ertönt täglich ein Höllenlärm. Wie hält George Clooney das aus?
Auf einer Seite des Gerüstes fehlt ein Stück Plane und da stehen Bauarbeiter herum, lässig ans Geländer gelehnt, sie rauchen und quatschen. Sie gucken, ich gucke. Sie lächeln, ich lächle auch. Aber ich lächle nicht wegen ihnen, sondern immer noch von meinem Clooneyanlächelnversuch. Einer der Arbeiter winkt freundlich, ich nicke. Dann reden sie miteinander, einer pfeift von da oben herunter und dann lachen sie alle, als ich mich umdrehe und mitlache. Clooney lacht nicht mit, klebt stumm und reglos an der Holzwand.
Das auf dem Gerüst oben, das war lebendig: Staubverdreckte fleißige Arbeiter bei einer Morgenzigarette auf dem Baugerüst, die einer Frau hinterher gucken und sich amüsieren – worüber auch immer. Ich geh mit einem amüsierten Lachen weiter.
Georgieboy verblasst durch Wind und Wetter allmählich auf seinem Plakatpapier. Täglich wird er transparenter. Er muss trotzdem immer smart, sanftäugig in die Kameralinse gucken, auf der Holzwand kleben und Tag und Nacht verweilen. Lächelnd. Kein bisschen lebendig, nur mit Kleister plattgeklebtes Papier, wie eine Tapete.
Armer George Clooney. Ob er gern ein Arbeiter auf dem Baugerüst wäre? Lachend, locker, lebendig?          [©2007 by af]

Die Baustelle war irgendwann verschwunden. Keine Ahnung, wann. Jedenfalls fehlte auch die Holzwand und natürlich der unablässig lässig lächelnde Georgieboy Clooney. Abgerissen, abgekratzt? Wie auch immer.
Ich dachte, nun ist er erlöst von seinem Plakatedasein in der Schildergasse, aber... ACHTUNG: CLOONEY is back!
Ahnungslos tapse ich vor ein paar Tagen aus der Hohe Straße in die Schildergasse und fühle mich urplötzlich beobachtet. Wie denn? Wo denn? Was denn? - Aha! Aus der ersten Etage gleich über einem Uhren-Schmuck-Geschäft lächelt mich smart ein überaus sympathischer Mann an. Sanfte braune Augen, dieses gewisse Etwas im Blick, das Grübchen am Kinn, das ganz dezent angedeutete Lächeln. Mhm mhm, durchaus mein Typ. Und dann erkenne ich ihn: GEORGE CLOONEY is back!!! Nun trägt er eine Omega-Uhr... (trägt er sie wirklich auch im ganz realen Leben???)
Jetzt klebt er hinter Glas. Sauber, ganz und gar glatt hinter einer großen Fensterscheibe. Sicher geschützt vor der Unbill des Wetters und den diversen Hitze- und Kälteschüben unseres Breitengrades blickt er scheinbar wieder jede und jeden mit dem immer gleichen Gesichtsausdruck an. - Und kaum einer nimmt ihn wahr.
Immerhin hat er es eine Stufe nach oben geschafft und seine Situation verbessert, stelle ich vor mich hin grinsend fest. Zwar kann er immer noch nicht mit den Männern von der Baustelle auf dem Gerüst einen Kaffee trinken (aber er trinkt ja ohnehin „Nespresso“..., und die Jungs auf'm Bau haben so eine Maschine nicht) und leider kann er keine noch so hübsche Frau mit mehr als seinem unnachahmlichen Lächeln ansprechen..., sofern ihn eine da oben entdeckt. Aber er bleibt dort zumindest trocken, gleichmäßig warm und - grinsend wie eh und je an der Scheibe pappen. Ich finde immer noch, dass er schaut, als würde er gern etwas anderes lieber tun...       [© 2009 by af]

Aktueller Nachtrag: Clooney ist umgezogen! Er thront jetzt – immer noch erste Etage – nebenan. Uhren-Schmuck ist wohl out (vielleicht hat er keinen neuen Werbevertrag erhalten?). Jetzt jedenfalls lächelt er bei „Nespresso“... - ob John Malkovic da auch „wohnt“? Ich werde berichten, wenn ich es in Erfahrung gebracht habe.     [© 2011 by af]



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