Donnerstag

Chopin, Ashkenazy und ich...


Foto von Thomas B. aus Köln #pixabay.com



Geburtstagsüberraschung

Er konnte nicht wissen, was mir Klavierkonzerte bedeuten und erst recht nicht, wer Vladimir Ashkenazy ist. Wenn er Geschenke machte, war er intuitiv wie ein Kind. Er verließ sich auf sein Gefühl. Das zeigte sich ganz besonders, wenn er Geschenke machte. Ich erinnere mich nicht, dass er mir je etwas schenkte, das mich nicht überrascht hätte. Nicht den Hauch einer Ahnung gab es für mich vor Geburtstagen und Weihnachten. Immer durfte er den Augenblick meiner totalen Überraschung genießen. Das war schon faszinierend. Für dieses Geschick liebte ich ihn.
Köln. Philharmonie. Zwei Karten für eine Vorstellung Vladimir Ashkenazys...
Ich hab nur... war wohl etwas spät...“ stammelte er verlegen und wedelte mit einem Umschlag in der Hand herum, den er dann mir übergab.
Natürlich hatte ich keine Ahnung, was der Umschlag enthielt und warum er glaubte, zu spät zu sein. Zu spät für was? Für wen? Mein Geburtstag war heute. Mich konnte er nicht meinen, dachte ich und lächelte vor mich hin.
Ich öffnete den Umschlag und entnahm ihm zwei Eintrittskarten für die Philharmonie. Der Name des Pianisten sprang mir in die Augen, und alles andere nahm ich nicht mehr wahr. Ich freute mich unbändig und fiel ihm um den Hals. Ein Klavierkonzert mit Vladimir Ashkenazy. Der große, einmalige und geniale Pianist! Mein Herz schlug Purzelbäume vor Aufregung.
Er nahm mir die Karten ab und zeigte mir, wo wir unsere Plätze haben würden. Da erst verstand ich, was er gemeint hatte.
Wir werden hinter der Bühne sitzen“, sagte er entschuldigend.
Mir völlig einerlei!“ entgegnete ich.
Für ein solches Konzert hätte man mich auch im Keller deponieren können mit einem Dosentelefon zum Lauschen.
Ich hab die letzten zwei Karten bekommen und war froh, dass wir wenigstens noch nebeneinander sitzen“, erzählte er. „Aber hinter der Bühne... fand ich schade.“
Das macht wirklich nichts“, betonte ich nachdrücklich. „Du ahnst ja nicht, was es mir bedeutet, Ashkenazy live überhaupt hören zu dürfen. Dankeschön!“
Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht ahnte, dass ich sogar den allerbesten Platz der Welt haben würde.

Das Konzert


... die Philharmonie war ausverkauft bis auf den letzten Platz. Eine wahnsinnige Kulisse! Und dann betrat der Meister die Bühne. 
Ashkenazy ist nicht von großem Wuchs. Eher klein. Mit Vorsicht und Bedacht setzt er einen Fuß vor den anderen, als er zum eleganten schwarzen Flügel schreitet. Sein Lächeln ist umwerfend bescheiden. Jede seiner Bewegungen drückt Demut aus. Und dann sitzt er am Flügel, hebt die Hände auf die Tasten und das anwesende Publikum der Philharmonie verstummt vollends.

Kunst wie nicht von dieser Welt


Ich sitze oberhalb der Bühne gleich hinter dem Maestro und kann ihm über die Schulter auf seine wunderbaren Hände schauen. Der erste Ton erklingt und gleichzeitig scheint ein Lichtspot ihn, den Flügel und mich in ein und dasselbe Licht zu hüllen. Ich bin völlig allein mit Ashkenazy und Chopin... kein Raum, keine Zeit, nur die Poesie der Kompositionen eines Genies und die Interpretation dieser Werke durch einen einzigartigen Künstler.
So vergingen fast zwei volle, wunderbare Stunden. Ich war verzaubert. Wir schoben uns mit der Besuchermasse aus dem Gebäude, doch ich nahm überhaupt nichts um mich herum wahr. Die Musik erklang noch immer in mir. Ashkenazy hatte mich hypnotisiert, und ganz besonders Chopin hatte mich elektrisiert.
Die Wirkung dieses einmaligen Erlebnisses hielt noch Wochen an. Wenn ich die Augen schloss, war ich wieder allein auf der Welt mit dem Pianisten und der Musik.
Zeitlos. Körperlos. Nicht von dieser Welt...
Ein Wunschgedanke? Ganz bestimmt auch das!


[© 2007 by af]


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